Modell des ersten Raumflugkörpers vor dem Museumsgebäude in Peenemünde
Modell des ersten Raumflugkörpers

Zu Beginn des Jahres 2011 ist der Inhalt eines Gutachtens an die Öffentlichkeit gedrungen, welches dem Standort Peenemünde gute Chancen für den Status als Weltkultuerbe zugesteht. Die Wogen in der daraus entstandenen Diskussion darüber, ob für Peenemünde der Weltkulturerstatus beantragt werden sollte, schlagen immer höher, wobei die Sachkenntnis über den eigentlichen Streitgegenstand auf der Strecke zu bleiben scheint. Für das von der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) getragene so genannte Welterbe gibt es seit 1972 klare Definitionen. Nach der langjährigen Trennung in Weltkultur- und -naturerbe werden jetzt für beide Bereiche 10 zusammenhängende Kriterien verwendet, wobei die ersten sechs vor allem das Weltkulturerbe betreffen. Dort heißt es unter anderem:
1. Die Güter stellen ein Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft dar.
2. Die Güter zeigen, für einen Zeitraum oder in einem Kulturgebiet der Erde, einen bedeutenden Schnittpunkt menschlicher Werte in Bezug auf die Entwicklung von Architektur oder Technologie, der Großplastik, des Städtebaus oder der Landschaftsgestaltung auf. …
4. Die Güter stellen ein hervorragendes Beispiel eines Typus von Gebäuden, architektonischen oder technologischen Ensembles oder Landschaften dar, die einen oder mehrere bedeutsame Abschnitte der Geschichte der Menschheit versinnbildlichen. ….
Hier geht es also um die objektive Bedeutung eines „Gutes“ für die Menschheitsgeschichte. Alle Betrachter sind sich darüber einig, dass - unter Aufnahme früherer Forschungen in verschiedenen Ländern - zwischen 1936 und 1945 in Peenemünde der Grundstein für den späteren Flug des Menschen in das Weltall gelegt wurde, sowohl in der Sowjetunion als auch in den USA, noch dazu mit „originalem Personal“ aus Peenemünde. Tatsache ist weiterhin, dass in Peenemünde noch zahlreiche weitere Forschungsergebnisse zu verzeichnen sind, die Einfluss auf die technische Entwicklung der Welt hatten. In diesem Zusammenhang gilt Peenemünde als das erste Technologiezentrum der Welt.

Und nun kommt die moralische Seite ins Spiel. Zweifellos wurde die Heeresversuchsanstalt, wie der Name es sagt, vom Militär finanziert, wurde die Raketenforschung für ausschließlich militärische Ziele betrieben, wurden für die Arbeiten Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene missbraucht, ohne Rücksicht auf Verluste, mit tausenden Toten, zu denen noch die Opfer der Raketenangriffe auf London gezählt werden müssen.
Es wird in der bisherigen Diskussion deutlich, dass beim Begriff Weltkulturerbe gerade das Wort Kultur verschieden interpretiert wird. Für so manchen Gegner des Vorhabens ist „Kultur“ ein Synonym für Fortschritt, für Positives, während andererseits Peenemünde als etwas grundsätzlich Negatives plakatiert wird. Die Welterbedefinition dagegen hat hier einen sehr viel breiteren Ansatz. Der Einwand „Kriegsforschung hat nichts mit Kultur zu tun“, geht am Kern der Sache, an der Definition von Weltkulturerbe vorbei.

Auch die Raketenforschung in den USA und der Sowjetunion hatte in Gestalt der atomaren Interkontinentalraketen dominierende militärische Akzente, das Kosmodrom Baikonur in Kasachstan wurde mit Hilfe von Gulag-Häftlingen und deutschen Kriegsgefangenen errichtet, ebenfalls mit Todesopfern. In beiden Ländern geht man mit diesem Erbe deutlich offener und entspannter um als wir es hier in Deutschland aus berechtigtem Schuldbewusstsein tun.

Es gibt jedoch keinen anderen entscheidenden Ursprung für den menschlichen Weltraumflug als eben die Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Soll man menschliche Flüge ins All nur deshalb für immer ächten, weil ihre Ursprünge, die ersten geglückten Versuche, ausschließlich militärische Ziele hatten? Wo wäre die Menschheit heute, würden aus „Prinzip“ keinerlei Erfindungen genutzt, die ursprünglich für das Militär gedacht waren, wie zum Beispiel das U-Boot? Mit jeder Entwicklung, die die Menschheit vorangebracht hat, ist menschliche Kreativität verbunden, die aber oft genug eben auch eine andere, dunkle und zerstörerische Seite hat. Sollte man die Kernenergie für friedliche Zwecke nur deshalb nicht nutzen dürfen, weil die erste geglückte Praxisanwendung die Atombombe war?

Von Gegnern eines Welterbestatus für Peenemünde wird unterstellt, dass damit das Leid von tausenden Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen missachtet, den Todesopfern ungenügend gedacht und demgegenüber militärische Forschung glorifiziert wird. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Ein Welterbestatus würde der Bedeutung Peenemündes für die Weltgeschichte entsprechen, würde den Ort zu einem weltweiten Anziehungspunkt machen, an dem dann natürlich, wie es jetzt schon geschieht, auch die andere, die dunkle Seite der menschlichen Technologieentwicklung an einem besonders prägnanten Beispiel dargestellt werden kann – die zwei Enden der Parabel, wie es schon heute im Museum Peenemünde formuliert wird, als „Schnittpunkt menschlicher Werte“ nach UNESCO-Definition.

Ein Welterbestatus wäre die Chance, auch das Leid der Opfer so zu dokumentieren, dass diese Zusammenhänge nicht verloren gehen. Unter diesem Blickwinkel haben die bisherigen Befürworter und Gegner eine gemeinsame Plattform, die allen Intentionen gerecht wird.

Text: Dr. Rainer Höll

Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

Foto: nordlicht verlag